Von:
Susanne Breit-Keßler

e-trauer.de

Verluste gehören zum Leben dazu. Leichter zu bewältigen sind sie durch diese Einsicht nicht. Immer trifft es einen mitten ins Herz. Verluste müssen betrauert werden, will man sie verarbeiten, in das eigene Leben integrieren, statt daran zu zerbrechen. Persönliche und gemeinsame Trauer sind zu allererst geprägt von Entsetzen. Entsetzen über Hiobsbotschaften, die einen direkt betreffen; Grauen über das, was an Greueln auf der Welt geschieht. Wut, Zorn und das Wissen um eigene und fremde Schuld sind unumgängliche weitere Phasen der Trauer: Wut über Grausamkeit, über Ohnmacht gegenüber dem Tod. Warum werden Menschen hingemordet ... Warum verliert man, was einem so lieb und wert ist ...

Die wichtigste Phase der Trauer ist die, in der Menschen suchen nach dem, was sie verloren haben, es finden, entdecken und davon behalten, was ihnen wichtig war. "Man entdeckt keine Wahrheit, nach der man nicht erst gesucht hat" sagt der Schriftsteller Klaus Mann. Da vermisst jemand in seiner Trauer den verlorenen Partner, die verstorbene Mutter, das zerbrochene Ideal - und erinnert sich. Macht sich klar, was sie gegeben, welche Einsichten sie einem eröffnet haben. Man merkt, was ein anderer für einen alles getan hat und begreift, dass man Eigenschaften und Fähigkeiten an den Verlorenen übertragen hat - die nun teilweise zurückzuholen, wieder zu eigenen Möglichkeiten zu machen sind. Mancher und manche sind im Verlauf ihrer Trauer überrascht, zu was sie alles in der Lage sind.

Nach und nach sieht man ohne Verbitterung die Schattenseiten, die der verlorene Mensch, das Ideal gehabt haben. So gelingt es, sich schließlich irgendwann zu trennen und selbständige Wege zu gehen, das Leben wieder neu zu genießen. Lebensfreude allmählich wieder zu entdecken ist nicht leicht - weder für einen einzelnen Menschen, noch für die Gesellschaft. Die Fähigkeit zu trauern ist wenig anerkannt. Schon der Ausbruch des Schmerzes wird ungern gesehen oder gar miterlebt.

Die Werbung zeigt Menschen, die sich schick und cool voneinander trennen, alles, was ihnen vom Partner bleibt, mit einer lässigen Gebärde auf die Straße oder in den Gully schmeißen - bis auf den Autoschlüssel, sollte er zur richtigen Marke gehören. Fragt jemand einen "wie geht es Ihnen?" und man antwortet "schlecht", dann kann es schon passieren, dass der andere sagt "na prima, und sonst?" Es darf nicht sein, dass es einem miserabel geht, dass man trauert und dafür Zeit braucht. Die Fähigkeit zu trauern, Grenzsituationen durchzustehen, ist die Chance zu leben.

Zu leben - nicht beraubt der eigenen Gefühle, nicht amputiert - sondern als ganzer Mensch: Mit Erschrecken und Entsetzen, mit Wut und Zorn, mit dem Bewusstsein von Schuld, mit der Suche nach dem Verlorenen und der Entdeckung neuer Möglichkeiten. In der Bibel findet sich die Klage eines Mannes, einer Frau immer wieder - sie wird kein einziges Mal abschätzig beurteilt. Trauer darf und muss sein, sollen ein Mensch, eine Gesellschaft nicht endgültig zugrunde gehen, sondern mitten im Leben auferstehen zu neuer Existenz.

Damit Gemeinschaftsgefühl, Hilfsbereitschaft und Solidarität entstehen können, braucht es die Fähigkeit, zu trauern. Es muss beklagt werden, was unmenschlich ist, was Leben verhindert. Wer um die Vergänglichkeit weiß, aber nicht stehen bleiben und sterben, sondern leben will, der braucht drei Dinge: Gewissheit, Identität und feste Bindungen. Identität - ein gesundes Selbstbewusstsein, das offen ist für Veränderungen, damit Einzelne und Gemeinschaft sich beherzt von sich selbst entfernen, loslassen und vertrauensvoll Neues an sich heranlassen können.

Es braucht die Gewissheit, dass es einem allein und einer ganzen Gesellschaft überhaupt möglich ist, eigenes Leben und Zusammenleben trotz aller Veränderungen und Abschiede schöpferisch, im Wortsinn einfallsreich zu gestalten. Es braucht feste Bindungen an Gott und Mensch, damit jeder für sich weiß: Ich bin gehalten, mir und anderen kommen Möglichkeiten zu, immer wieder aufbrechen, gehen, sich trennen und - auch immer wieder ankommen, sich niederlassen und binden zu können. Trauern ist Arbeit. Eine Arbeit, die man Gott sei Dank schaffen kann. Es dauert nur.